Das Haus Neheimer Jäger

Das Haus Neheimer Jäger, die ehemalige Synagoge in der Mendener Straße, gelangte im Jahr 2001 in den Besitz des Jägervereins. Der Kauf des alten Gebäudes bildete den Abschluss einer langen Kette wechselhafter Ereignisse, die mit seiner Errichtung als jüdisches Gotteshaus im 19. Jahrhundert begannen.

Einen beträchtlichen Anteil an den damaligen Geschehnissen und an der wirtschaftlichen Entwicklung des seinerzeit armen "Biäddle-Neime" (= Bettel-Neheim) hatte der aus Berleburg stammende Noah Wolff (1809-1907). Er war sowohl für die Entstehung der Metallwaren- und Leuchtenindustrie in der Stadt als auch für die Gründung des Jägervereins mitverantwortlich. Etwa 1850 übernahm Wolff als Vorsteher die Leitung der jüdischen Gemeinde Neheims. Da jedoch eine Synagoge fehlte, bemühte er sich um die Errichtung eines entsprechenden Gebäudes. Bis dahin wusste man sich immer mit eher provisorischen Räumlichkeiten zu behelfen.

Noah Wolff (1809-1907), Vorsteher der Neheimer jüdischen Gemeinde und Mitbegründer des Jägervereins
Gegen Ende des Jahres 1831 hatte die Gemeinde von Neheim den ersten Antrag zur Errichtung einer Synagoge gestellt, da der bis dahin genutzte Raum im heute unbekannten Hause des Susmann Steinberg zu klein geworden war. Eine der Witwe Cosack abgekaufte Scheune sollte umfunktioniert werden und neben der Synagoge auch einen Schulraum samt Lehrerwohnung beherbergen. Nachdem dieser Antrag vom Landrat abgelehnt wurde, pachtete die Gemeinde einen ausreichend großen Raum in der Mendener Straße 33 und richtete hier eine neue Betstube ein. Bis 1862 bestand diese weiter, dann wurde in dem Gebäude die erste Krankenpflegeanstalt Neheims untergebracht. Die Gemeinde, die zu diesem Zeitpunkt etwa 70 Mitglieder umfasste, zog zur Burgstraße um, wo sie bis zur Einweihung der Synagoge ihre Gottesdienste abhielt. Noah Wolff bemühte sich verstärkt darum, durch freiwillige Spenden den Bau einer Synagoge zu finanzieren. 1875 führte die Gemeinde eine Lotterie zugunsten des Synagogenbaus durch. Noch im gleichen Jahr konnten die Bauarbeiten begonnen werden. Am 20. Oktober 1876 wurde der Bau in der Mendener Straße 35 feierlich eingeweiht und ab diesem Zeitpunkt für lange Zeit als Gotteshaus genutzt.

In der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 schändeten die Nationalsozialisten auch die Neheimer Synagoge und zerstörten die Inneneinrichtung weitgehend. Wegen der Feuergefahr für die Altstadt verzichteten sie aber darauf, das Gebäude in Brand zu stecken.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelangte die Synagoge wieder in jüdischen Besitz. Sie wurde für lange Zeit als Lagerraum genutzt und fiel beinahe der Vergessenheit anheim. Über die Jahre verschlechterte sich der Zustand des Gebäudes mehr und mehr. Eine am 20. Oktober 1966 von der Stadtverwaltung erteilte Abbruchgenehmigung wurde glücklicherweise nicht in die Tat umgesetzt. Kaum etwas erinnerte noch daran, dass das Haus im hinteren Teil der Wohnbebauung entlang der Mendener Straße tatsächlich einmal das Gebetshaus der jüdischen Gemeinde in Neheim gewesen war.

Mitte der 80er Jahre geriet es dann in das Blickfeld zweier Neheimer Bürger, Axel Desch und Gerd Kloppsteck. Die beiden erwarben das im Kaufvertrag nun auch offiziell als "Lagerschuppen" deklarierte Gebäude am 25. Februar 1983 von der Vorbesitzerin, Frau Maria Dohr aus Lippstadt, in der Absicht, es fortan gewerblich zu nutzen. Sie planten die Einrichtung einer Praxis und eines Geschäftes für hochwertige Dekorationsstoffe. Vor der Übernahme durch Desch und Kloppsteck war die Synagoge allerdings bereits Ende 1982 als Baudenkmal unter Denkmalschutz gestellt worden, sodass der Zustand des Hauses eine grundlegende Restaurierung unter denkmalpflegerischen Auflagen unumgänglich machte. Das Gebäude musste mehr oder weniger komplett überholt werden. Die beiden Bauherren führten die entsprechenden Maßnahme in Zusammenarbeit mit einer Paderborner Firma durch, die auf die Restaurierung von Kirchen, Klöstern und Schlössern spezialisiert war.

Die Restaurierung des Gebäudes wurde selbst in Fachkreisen als gelungen angesehen. So teilte Frau Dr. Schwedhelm, Landeskonservatorin des Westfälischen Amtes für Denkmalpflege in Münster, dem zuständigen Architekten, Hansa Burgard, am 11. März 1985 mit, dass die Restaurierung sowohl des Innenraums als auch des Außenbereichs als "vorbildlich" bezeichnet werden könne. Weiterhin hob sie hervor, dass der sorgfältigen Wiederherstellung des Innenraums Neheim die wohl besterhaltene Synagoge Westfalens verdanke.

Der Fortbestand des Gebäudes war somit endgültig gesichert. Die Vermittlung des Neheimer Jägers und Immobilienmaklers Wilhelm Meyer führte dann dazu, dass der Jägerverein im Jahre 2001 die mittlerweile sehr ansehnliche Synagoge erwarb. Die Kaufidee, die der Landesrabbiner von Westfalen, Dr. Henry G. Brandt, damals ausdrücklich begrüßte, ergab sich unmittelbar aus der Satzung des Jägervereins: Diese legt die Pflege und den Erhalt denkmalgeschützter Gebäude insbesondere im Stadtteil Neheim verbindlich fest. Gleichzeitig bedeutete die Anschaffung der Immobilie eine Würdigung Noah Wolffs. Ein weiterer Grund für den Kauf lag im Bemühen der Jäger, das Miteinander der Bürger zu fördern und an der Gestaltung desselben konstruktiv mitzuwirken, auch über die Ausrichtung des Neheimer Volksfestes hinaus. Die ehemalige Synagoge sollte zu einem Ort der kulturellen Begegnung werden.

Der Jägerverein und andere Nutzer des Hauses halten mittlerweile regelmäßig Vereinssitzungen, Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Empfänge, Ehrungen und ähnliche Veranstaltungen im Gebäude ab. Aus Gründen der Pietät finden aber nach wie vor keine rauschenden Feste hier statt. Dafür bleibt der Fresekenhof eine mehr als angemessene Alternative. Mit der Übernahme der Synagoge hat der Jägerverein es geschafft, als Haus Neheimer Jäger nicht nur einen gleichermaßen schönen wie auch funktionalen Vereinsmittelpunkt für die Zukunft des Jägervereins einzurichten, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur Förderung des kulturellen Lebens in Neheim zu leisten.

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